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Adelt Geld den Menschen?

Geld ist das einzige Produktionsmittel, das Bedürfnisse erzeugen kann. Entscheidend dabei ist der Prozess, der zum Geld führt: Waren werden nicht mehr nur produziert, um Bedürfnisse zu stillen, sondern es werden Bedürfnisse erzeugt, um die fortdauernde Produktion weiterer Waren sicherzustellen, die wiederum Geld garantieren. Es ist ein perverser Mechanismus – der Mechanismus des Kapitalismus.

Für den Philosophen Umberto Galimberti ist die Gesellschaft kein komplexes Konstrukt, sondern im Gegenteil äußerst einfach gestrickt. Oder besser gesagt, vereinfacht, weil die wichtigsten Werte alle im Geld stecken.

Ich frage mich selbst auch häufig, wie es um das Verhältnis zwischen Geld und Schönheit, zwischen Geld und Unmenschlichkeit, zwischen Geld und Mitleid bestellt ist. Reagieren wir deshalb so eiskalt auf die Dramen dieser Welt, weil uns die vielen Katastrophen, die sich vor unseren Augen abspielen, gefühllos gemacht haben? Oder haben wir uns deshalb von der Idee einer gerechteren Welt abgewandt, weil unser Maßstab einzig und allein nurmehr das Geld ist?

Geld ist das einzige Produktionsmittel, das Bedürfnisse erzeugen kann. Entscheidend dabei ist der Prozess, der zum Geld führt: Waren werden nicht mehr nur produziert, um Bedürfnisse zu stillen, sondern es werden Bedürfnisse erzeugt, um die fortdauernde Produktion weiterer Waren sicherzustellen, die wiederum Geld garantieren. Es ist ein perverser Mechanismus – der Mechanismus des Kapitalismus.

Ganz eindeutig sind diese Prozesse nicht das Werk irgendeiner künstlichen Intelligenz oder gar höheren Gewalt. Es ist der Homo Sapiens, der als Deux ex Machina dahintersteckt, der alles entscheidet und beherrscht. Sagte ich Sapiens? Schön wär’s. Denn kluge Produktion und kluger Konsum sehen anders aus als das, was wir heute haben. Konsum ist in unserer Zeit nicht mehr (nur) die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse, sondern selbst zum Produktionsmittel geworden. Die Produktion darf nie stillstehen. Daher muss sichergestellt sein, dass die produzierten Waren auch konsumiert werden. Sonst droht echte Ärger.

Das Bedürfnis nach diesem Superkonsum ist im Menschen nicht von Natur aus angelegt, keine Gottheit hat es ihm eingehaucht. Und eben weil dieses Bedürfnis nicht dem Wesen des Menschen entspringt, weil dieser eigentlich keine Notwendigkeit verspürt, über das Nötige hinaus grenzenlos Dinge zu konsumieren, muss es künstlich geschaffen werden.

Schaffen. Schöpfung. Viel zu edle Worte für diese tristen Zusammenhänge. Lassen Sie uns lieber von der Produktion sprechen.

Doch wie genau werden Bedürfnisse produziert? Seit es Social Media gibt, funktioniert das besonders wirkungsvoll durch Marketing. Oft ist es sogar das Marketing selbst, das ein Produkt erschafft. Der klassische Entwicklungsprozess wurde umgedreht. Der Schwanz wedelt jetzt mit dem Hund.

Es wird Marktforschung betrieben, es werden sogenannte Bedürfnisse ermittelt, es wird kommuniziert und dann erst wird das entsprechende Produkt entwickelt. Ein Beispiel? Die sogenannten „Erlebnisse“.

Marketingstrategen, unterstützt durch Erkenntnisse aus Soziologie und Psychologie, haben begriffen, dass „Erlebnisse“ Marktpotenzial haben. Und so wurden „Erlebnisse“ für unsere Touristen aus dem Hut gezogen, denn einfach nur durch eine Bergwiese zu wandern, ist ja auch wirklich viel zu langweilig.

Überhaupt ist uns ja das Verständnis für die Schönheit und Wichtigkeit der sogenannten „nutzlosen Dinge“ abhandengekommen. Malen zum Beispiel gilt als nutzlos – als könnte man damit nicht die eigene Kreativität so wunderbar zum Ausdruck bringen. Singen gilt als nutzlos – als würde es einen nicht schlicht und einfach glücklich machen. Dem Zwitschern eines Spatzen zu lauschen, gilt als nutzlos – als würde sich in dessen Zwitschern nicht Gott selbst offenbaren.

Auch das entspannte Nichtstun gilt als nutzlos und ist damit ein Tabu. Wenn ich dagegen an die alten Römer denke und wie sie das „Otium“ als notwendige, sinnvolle Auszeit vom „Negotium“ gelebt haben, von Politik und öffentlichen Angelegenheiten …

Unser heutiges Marketing jedenfalls hat die Freizeit als „Experience“ wiederentdeckt (wenn auch leider nicht im Sinne von Jimi Hendrix). Deshalb haben wir in den Bergen jetzt Slacklines, Abenteuer-Parks für Erwachsene im Hochgebirge, Kabinenbahnen, die sich um sich selbst drehen und selbstverständlich auch ein Kino auf dem Gipfel des Klein Matterhorns. Wenn ich dagegen an Jimi Hendrix und seine „Experience“ denke … Er, als echtes Genie, hat das Spielen einer E-Gitarre total und unwiderlegbar und für alle Zeiten vollständig revolutioniert. Durch ihn kam eine totale Wildheit ins Spiel, und das nicht nur im musikalischen Sinne – eine Erfahrung, die über allem steht.

Die Dumm-Botschaften dagegen, die das Marketing heute erfindet und verbreitet, passen natürlich perfekt zu einem gewissen Typ Mensch, wie es ihn dümmer bisher kaum gegeben hat und dem auch gar nicht daran gelegen ist, seine Dummheit zu überwinden. Er will einfach nur alles das haben, was er noch nicht besitzt, weil er sonst außen vor bleibt. Aus dem Rennen ist. Nicht zählt und nicht dazugehört.

Diese total verdrehte Konsumwelt wird uns ruinieren. Wir alle glauben, die Notwendigkeiten, die uns vorgegaukelt werden, tatsächlich zu verspüren. Wir alle tun uns schwer damit, uns einzuschränken.

Im Tourismus bräuchten wir aber ein anderes Marketing. Ein Marketing, das sagt: Wir kümmern uns darum, dass Gäste kommen, sorgen aber dafür, dass es nicht zu viele werden. Das kann funktionieren, wenn der politische Wille da ist. Doch ohne eine klare, politische Führungslinie wird es dem Tourismus nicht gelingen, sich von seinem Wachstumsdrang zu befreien. Es sei denn, äußere Faktoren verpflichten uns zur Einschränkung.

Doch heute funktioniert der Tourismus noch nach der altbekannten Gleichung: Ich, Hotelier, biete an. Du, Gast, konsumierst. Und konsumierst du nicht genug, lasse ich mir neue Angebote einfallen. So lange, bis die Dolomiten einstürzen. Und das kann dauern.

Gleichzeitig wünschen wir uns aber auch Touristen, die die Landschaft genießen, die sich wie Gäste und nicht wie Konsumierende verhalten, die sich der Natur mit Respekt und Rücksicht nähern. Und wie bekommen wir die? Vielleicht, in dem wir versuchen, uns erst einmal selbst erziehen.

Die Wahrheit ist, dass wir eine satte, verwöhnte Gesellschaft sind, die sich immer williger den Produkten unterwirft, die sie besitzt. Dinge, die nicht nur durch neue Dinge ersetzt werden können, sondern dies sogar müssen. Unglaublich, wie es uns dann auch noch gelingt, in den Werbebotschaften Worte wie „Nachhaltigkeit“ und „Ökologie“ unterzubringen.

Heute bezieht alles, was produziert wird, seinen Wert (wenn man es Wert nennen will) nur noch durch eine von vorneherein reduzierte Lebensdauer. Diese limitierte Existenz der Dinge, die an den Fortschritt geknüpft sind, ist die conditio sine qua non. Eine Waschmaschine, die nach 100 Waschgängen nicht mehr funktioniert, ist in meinen Augen eine Einladung zur Zerstörung.

Um unsere individuelle Identität zu bewahren, müssen wir aus der Masse ausscheren. Müssen individuell denken. Out of the box. Grenzen überschreiben. Unser Denken und Handeln auf Werte gründen, an die wir wirklich glauben. Wir bringen sogar sämtliche Voraussetzungen dafür mit, wenn es stimmt, was Wissenschaftler behaupten: dass wir vom Potenzial unseres Gehirns nur einen ganz kleinen Teil auch wirklich nutzen. Der Rest liegt brach. Das ist vielleicht weniger schlimm, als es sich anhört, denn wenn ich mir so ansehe, wie wir unseren Planeten gerade zugrunde richten, bin ich fast versucht zu sagen: zum Glück.

Was wir heute, gleich, sofort schon tun können? Dem Schrei des Adlers lauschen, etwas Gutes tun, dankbar sein. Und uns mögen.

De bis salüc

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