MICHILS NEWSLETTER

Stille wird nicht versprochen. Sie wird geschaffen

Lieber Gast, haben Sie schon einmal bewusst der Stille in den Bergen gelauscht? Der echten Stille, nicht diesem gewissen Grundrauschen, das wir mit Ruhe verwechseln? In diesem Newsletter lesen Sie, warum eine Klanglandschaft mehr erzählt als das, was wir mit unseren Augen sehen. Und wie wir gemeinsam bewahren können, was uns für immer verlorenzugehen droht.

Im Winter finden wir die Stille besonders schön. Vielleicht liegt es an der Kürze der Tage oder daran, dass wir im Winter gern zuhause einigeln, ganz ruhig, mit einer heißen Schokolade. Bei uns hier in den Dolomiten läuft die Wintersaison nun schon einige Zeit, und während ich durchs Fenster auf die perfekt präparierten Pisten schaue und den Menschen dankbar bin, dass sie sich so wunderbar darum kümmern, währenddessen dringen die unterschiedlichsten Geräusche an mein Ohr. Da ist das Geklacker des Sessellifts vor dem Hotel, das Knirschen von Skiern auf dem kalten Schnee, die Stimmen der Skifahrer, das Zischen der Kaffeemaschine im Frühstücksraum. Und immer wieder das omnipräsente Pling einer neuen Nachricht auf irgendeinem Handy.

 

Der Adler, der in der Höhe kreist, die Schönheit des Sassongher, an dessen felsigem Massiv ich immer wieder etwas Neues entdecke – eine Furche, einen Felsblock, der über dem Nichts zu schweben scheint, eine bislang übersehene Schlucht – die Skilehrer in ihren Anzügen: All das ist Teil unserer täglichen Lebenswelt hier. All das gehört zur Landschaft. Oder, wie die Amerikaner sagen, zur landscape. Aber wie sieht es mit dem soundscape aus?

 

Der soundscape in der Stadt ist eine Art permanenter Geräuschteppich, während Orte, die wir als still wahrnehmen – also zum Beispiel einen Berggipfel oder die Via Francigena in Richtung Radicofani – eine jeweils ganz eigene Geräuschlandschaft besitzen, die zudem in stetigem Wandel begriffen ist, so wie auch ihre optische Erscheinung. Sie ändern sich nach der Jahreszeit, nach dem konkreten Ort, nach der Tageszeit.

 

Menschen, die in der Stadt leben, sehen in Bergbewohnern die glücklichen Nutznießer einer Landschaft, die frei ist von künstlichem Licht und von Lärm – einer Art idealisierten Welt. Dabei leiden auch wir unter Licht- und Luftverschmutzung. Da wäre etwa der Lärm der Schneepflüge und Schneekanonen, auch der Hubschrauber, die oft fliegen müssen. Das alles gehört zu unserer Arbeit, wir leben davon und deshalb können und müssen wir glücklichen, privilegierten Bergmenschen mit dieser Form von Lärm leben.

 

Aber dieses Übermaß an künstlichem Licht selbst in den Dolomiten? Muss das wirklich sein? Wäre es nicht wunderbar, wenn man all diese hellweißen Lichter im Garten vor dem schönen Kirchlein St. Katharina direkt vor unserem Hotel La Perla in Corvara ein wenig runterdimmen könnte? Wunderbar wäre das! Und lassen sich nicht vielleicht auch die leuchtenden Neonreklamen in unseren Dörfern abschalten, die die ganze Nacht über, auch wenn die Menschen längst schlafen, die Sterne verblassen lassen?

 

Ich war einmal auf Torcello, diesem wunderhübschen Inselchen in der Lagune von Venedig. Es gibt dort sieben Einwohner, ein paar Geschäfte und eine uralte Kirche. Von Torcello konnte ich Venedig in der Ferne liegen sehen, und es war ganz still. Bis ein Flugzeug die Stille zerriss, auf dem Weg nach Irgendwo. Ein ähnliches Erlebnis hatte ich letzten Herbst am Furkelpass. Ich trat auf den Balkon unseres Bio Alpine Hotels Gran Fodà und hörte – nichts. Kein Auto, keinen Wanderer, nichts. Nur irgendwann den Pfiff eines Adlers, als Teil des Furkelpass-Soundscapes. In diesem Fall war es dann ein Bus, der das Idyll zerriss.

 

Raum, Zeit und Stille. In Wirklichkeit sind das die natürlichen Bedürfnisse von uns Menschen. Bedürfnisse, die wir jedoch – gezwungenermaßen manchmal – immer öfter zu kurz kommen lassen. Weshalb man sie heute schon fast wieder als Luxuselemente verstehen muss. Als etwas, das man sich bewusst leistet.

 

Der Naturphilosoph John Muir schrieb in einem Brief an seine Frau Loui im Juli 1888. „Only by going alone in silence, without baggage, can one truly get into the heart of the wilderness. All other travel is mere dust and hotels and baggage and chatter.” Denn es geht nicht um den romantischen Mythos der „stummen“ Berge, sondern dass wir konkret Verantwortung dafür übernehmen, nicht das mit unserem Lärm zu überdecken, dem wir eigentlich nur lauschen sollten.

 

Wenn wir achtsam wahrnehmen, was Geräusche uns sagen wollen, können wir die Veränderungen in unserer Umwelt viel besser erkenne: die Verringerung der Artenvielfalt, den Gesundheitszustand eines Landstrichs oder auch die Schäden, die Lärm den dort heimischen Lebewesen zufügt. Sehen wir also eine Landschaft nicht nur an, sondern leihen wir ihr auch ein Ohr, um so mögliche Alarmzeichen wahrzunehmen. Geräusche können uns viel über den Gesundheitszustand eines Ökosystems erzählen. Aber auch über das Leben, das wir führen wollen. Sogar über den Frieden, den wir suchen.

 

Was wir nicht sehen, verstehen wir nicht, und selbst unser Gehör vermittelt uns nicht unbedingt ein vollständiges Bild von etwas. Der Pfiff eines Adlers, eine Lawine, die sich von einem Hang löst, oder hauchdünnes Eis, das über einem Bergbach knackst: Es gibt auch Geräusche mit negativer Dezibelzahl. Viele Lebewesen können sie hören – und jede Art besitzt ihre eigene Stilleschwelle.

 

Können wir uns eine stille Zukunft vorstellen? Vielleicht müssen wir einfach einmal über unsere eigene Wirkung auf die soundscapes nachdenken. Und unsere Tourismusdestinationen neu und mit Blick auf eine reduzierte akustische Umweltverschmutzung denken – zum Wohle der Menschen, die uns besuchen, und zum Wohl all derer, die hier leben. Und damit meine ich sämtliche Lebewesen.

 

Denn Stille wird nicht einfach nur versprochen. Stille wird geschaffen. Mit mutigen Entscheidungen und hartnäckiger Pädagogik, mit sanfteren Geräuschen, mit einer anderen Vision von Gastfreundschaft, die den Gästen nicht immer nur mehr bieten will, sondern vielleicht auch einfach mal abschafft, was uns die Ohren verstopft.

 

Denn die wirkliche Landschaft ist oft nicht zu sehen: Sie ist zu hören.

 

Ich schließe mit lieben Grüßen und einem Zitat der koreanischen Schriftstellerin Han Kang: „Schnee ist Stille, die vom Himmel fällt.“

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