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Erinnerung kann es nur geben, wenn ein Dialog besteht zwischen dem, was einmal war, und dem, was wir heute sind. Ohne diesen Dialog reduziert sich das Erinnern auf schlichte Gedenkfeiern, auf Mahnmale, auf Geschichtsbücher. Natürlich ist nichts gegen Gedenkveranstaltungen einzuwenden, auch nicht gegen Stolpersteine oder das Niederlegen von Kränzen an den Gräbern der Toten. Doch die Erinnerung braucht mehr als nur das. Sie braucht den ständigen Austausch, das Gespräch, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Der Holocaust – der Genozid an Millionen von Juden – ist eine der schlimmsten von Menschen je verübten Gräueltaten. Ein mörderischer Wahnsinn, den heute viele Menschen mit einer gewissen Gleichgültigkeit betrachten. Für diese Gleichgültigkeit gibt es nur einen Grund: Es ist die Tatsache, dass diese vielen Menschen keinen Dialog mit der Erinnerung führen. Sie stellen keine Fragen, sie wollen keine Antworten, sie hinterfragen nichts. Oft verweigern sie sich der Diskussion, löschen lieber die Erinnerung aus. Das gilt nicht nur für die populistischen, nationalistischen und identitären Bewegungen, die gerade ganz Europa überspülen, das gilt nach den tragischen Ereignissen vom 7. Oktober auch für diejenigen Politiker und Politikerinnen, die gerade einen regelrechten Genozid an einer unschuldigen Zivilbevölkerung austragen. Die Kräfte, die heute in Israel regieren, haben vollständig mit den Ideen von Jitzchak Rabin gebrochen. Mit dieser Symbolfigur des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses, ermordet von einem rechtsextremen Israeli, der die Friedensverhandlungen sabotieren wollte. Wenn die Erinnerung ausgeschaltet wird, ist keine Friedensperspektive mehr denkbar.
Auch politische Lügen sind in diesem Zusammenhang besonders fatal. Denn sie generieren die (falschen) Voraussetzungen für die eigene Propaganda. Bestes Beispiel für dieses Vorgehen ist der derzeitige Zar von Russland, aber auch der Ex-Präsident der Vereinigten Staaten war ein Meister auf diesem Gebiet. Die Lüge ist der schlimmste Feind der Erinnerung, denn wenn die Geschichte geleugnet oder neugeschrieben wird, wird die Erinnerung ausgelöscht. In diese Richtung geht es gerade bei uns in Italien, denn statt sich zu erinnern und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, stellen sich die regierenden Parteien lieber blind und reißen ganze Kapitel aus dem Geschichtsbuch. Denn ganz klar: Einen Dialog mit der Erinnerung zu installieren, hieße zugeben zu müssen, dass der italienische Faschismus mit dem deutschen Nationalsozialismus paktiert hat, dass die Deutschen gewaltsam unser Land besetzt haben, dass Italien 1938 aus reiner Gefälligkeit gegenüber dem „Führer“ die Rassengesetze verabschiedete.
Aus all diesen Gründen ist es gerade in diesen besonders komplizierten Zeiten, in denen die ganze Welt in endlose Kriege verwickelt ist, besonders wichtig und notwendig, am 27. Januar den „Giorno della Memoria“ zu begehen – den Tag der Erinnerung. So heißt bei uns in Italien der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Wichtig ist dieser Tag natürlich unter der Prämisse, dass nicht nur Kränze niedergelegt werden, sondern dass sich ein fruchtbarer Dialog mit der Erinnerung etabliert, die den Weg in eine bessere Zukunft für uns alle vorzeichnet.







