Wir leben in einer Zeit, in der alles „zum ersten Mal“ geschehen muss: neue Restaurants, neue Reisen, neue Orte, die wir sammeln wie für eine Kollektion. Doch einen Ort kennt man erst wirklich, wenn man dorthin zurückkehrt. Wenn man einen Berg sowohl tief verschneit als auch während der Schneeschmelze erlebt hat. Wenn man einen Duft wiedererkennt oder eine Stimme. Es gibt einen Luxus, den kein Hotelarchitekt planen kann: Es ist der Luxus der Beständigkeit, der Erinnerung, des Gefühls, erwartet zu werden.
Es gibt Orte, an denen wir ankommen. Und andere Orte, an die wir an einem bestimmten Punkt unseres Lebens zurückkehren. Der Unterschied besteht nicht in der Anzahl der Besuche. Aber wenn wir an einen Ort zurückkehren oder zu einer Straße, die wir Jahre zuvor bereits entlanggefahren sind, dann kehrt zusammen mit uns auch die Erinnerung zurück. Die Erinnerung an das, was wir vor langer Zeit einmal gewesen sind. Es reicht oft schon, den Blick auf etwas zu richten, nach einem Baum zu suchen, den wir mit einem bestimmten Garten verbinden. Und wir begreifen ganz ohne Kalender, wie die Zeit vergangen ist. Der Oktober ist gekommen. Und mit ihm der Herbst. Wir leben in einer Zeit, in der die ganze Welt von ersten Malen fasziniert ist. Von Destinationen, die man das erste Mal besucht, von neu eröffneten Restaurants, die man unbedingt erlebt haben will, von neuen Orten, die man seiner persönlichen Weltkarte hinzufügen will. Es wirkt, als würde eine Reise erst dann wertvoll, wenn sie unserer persönlichen Kollektion bislang noch gefehlt hat. Diese ständige Jagd nach dem Neuen, dem Unbekannten, lässt uns an unzähligen Orten ankommen, an denen wir jedoch zu wenig Zeit verbringen, als dass sie wirklich Teil von uns werden könnten. Denn etwas wirklich zu kennen – einen bestimmten Berg zum Beispiel – bedeutet, diesen Berg schneebedeckt, aber auch während der Schneeschmelze erlebt zu haben. Es bedeutet, einen bestimmten wiederkehrenden Geruch zu erkennen oder zu merken, dass das Septemberlicht ganz anders auf die Wiese fällt als das Junilicht. Der Herbst ist da und mit ihm die frische Kälte des Abends. Der italienische Autor Tiziano Terzani schrieb in seinem Buch „Fliegen ohne Flügel“: „Jeder Ort ist wie eine Mine. Man muss sich nur darauf einlassen.“ Mir scheint das eine wunderbare Definition für die Verbindung zu sein, von der wir hoffen, sie mit einem Ort eingehen zu können. Denn eine Mine offenbart das, was sie in sich birgt, nur denen, die hineingehen. Die suchen, graben, jeden Tag wiederkommen, Zeit aufwenden. Ein schneller Besuch hingegen berührt nur die Oberfläche. Er kann zwar schön sein, reicht aber nicht aus, um jene Vertrautheit zu schaffen, die nur langsam entsteht und sich allmählich in so etwas wie Zuneigung verwandelt. Die frische Kälte des Abends riecht im Val d’Orcia nach Kastanien und nach dem Maestrale, dem Wind aus dem Norden. Sie bringt den Geruch nach Schnee mit sich, noch bevor in den Alpen die ersten Flocken gefallen sind. Alles Lebendige verändert sich mit der Zeit, auch unsere Hotels. Wer nach zehn oder 20 Jahren in sie zurückkehrt, der findet womöglich einen neuen Frühstücksraum vor, ein Zimmer, das es zuvor nicht gegeben hatte, einen Mitarbeiter, an dessen Äußeren die zehn oder 20 Jahre nicht spurlos vorbeigegangen sind – wie auch. Genau in diesem Gemisch aus dem, was einmal war, und dem, was heute ist, entsteht einer der profundesten Aspekte von Gastfreundschaft. Denn an einem Ort wiedererkannt zu werden, an dem wir ein Stück von uns selbst zurückgelassen haben, ist viel wertvoller als das perfekte Konservieren jedes einzelnen Details. Das ist Bildern vorbehalten.
Es gibt einen Luxus in der Welt der Gastfreundschaft, der von der Schönheit des verwendeten Materials abhängt, von der räumlichen Dimension, von Service und Sorgfalt und von allem, was einen Aufenthalt zu etwas Außergewöhnlichem macht. Und es gibt diesen anderen Luxus. Einen Luxus, der nicht in ein paar Monaten geplant werden kann, weil er viel Zeit braucht, Kontinuität und Erinnerung. Es ist der Luxus, anzukommen und schon genau zu wissen, in welche Ecke die Nachmittagssonne fällt, wie ein bestimmter Kuchen schmeckt, den man vor Jahren schon einmal bestellt hat. Es ist der Luxus, die Stimme hinter der Rezeption wiederzuerkennen – und festzustellen, dass diese Stimme auch die unsere wiedererkennt. In diesen Jahren werden neue Hotels eröffnet, neue Destinationen zu Bucket-Lists hinzugefügt, entstehen ständig neue Reiseangebote überallhin. Doch in all diesem Überfluss lohnt es sich, auch den Wert der Beständigkeit zu bewahren. Denn vieles, was es sich zu leben lohnt, ist nicht zwangsläufig neu. Und zu den kostbarsten Dingen im Leben gehören die, die wir wiederfinden.
Der Luxus, reisen zu können, führt uns in die Ferne. Der Luxus, zurückkehren zu können, erlaubt es uns manchmal, einen Ort zu spüren, der auf uns gewartet hat, auch wenn er in der Zwischenzeit sein eigenes Leben geführt hat. Aber wie schön zu wissen, dass uns dort jemand wiedererkennen wird. Manche Türen erscheinen auf den ersten Blick verschlossen. Doch keine Tür ist jemals wirklich verriegelt. Der Herbst ist gekommen. Doch bald ist wieder der Winter da. Wie schön es sein wird, sich wiederzufinden! .m