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Es darf nie wieder geschehen. Sprach der italienische Premierminister in Canazei. Es wäre schön, wenn wir an diese Worte glauben dürften. Doch leider beschleicht uns der Verdacht, dass es wieder einmal nur leere Worthülsen waren, fromme Wünsche, ausgesprochen in einem Moment starker Emotionen und um Trost zu spenden, ein Signal zu setzen und ein wenig Hoffnung.
Denn wenn es wirklich nicht wieder geschehen dürfte, dass von Bergen ganze Teile abbrechen, dass ein Orkan in einer einzigen Nacht Millionen von Bäumen entwurzelt, dass die traurigen Überreste der Gletscher sich in eine glitschige Pampe verwandeln, dass Flüsse und Bäche austrocknen – wenn all das nicht mehr geschehen dürfte, müssen erst wir Menschen uns ändern. Wir, die wir uns für so sapiens halten, dabei aber nichts weiter sind als unbelehrbare, gierige und dabei äußerst dumme Vernichter von Erde, Wasser und Luft. Von Natur.
Wenn die Marmolada-Tragödie überstanden ist, wird dann irgendjemand all die geplanten neuen Bauvorhaben stoppen, die neuen Gästebetten, die neuen Straßen und Liftanlagen? Ganz bestimmt nicht. Wir machen einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Bis zum nächsten Unglück. Wollen wir die Olympischen Spiele in Cortina? Na klar, warum auch nicht? Wo liegt das Problem? Wollen wir die Dolomitenpässe als Rennstrecken für Autos und Motorräder beibehalten? Aber sicher! Warum auch gesunden Menschenverstand walten lassen, solange wir aus den Dolomiten herauspressen können wie aus einem Korb Zitronen? Lassen Sie es uns so sagen: Die Tragödie an der Marmolada ist das dramatische Sinnbild eines Tourismus, der nichts weiter ist als die Frucht übersteigerten, katastrophalen und gewinnorientierten Konsums unseres Landes. Aber da niemand hier auf irgendetwas verzichten will, und weil alle so weitermachen wollen wie bisher, sieht die Zukunft alles andere als rosa aus.
Der Zufall wollte, dass sich die Tragödie an der Marmolada am 3. Juli 2022 ereignete, genau 27 Jahre nach dem Tod des Südtiroler Grünen-Politikers und Umweltschützers Alexander Langer – bekanntlich ist niemand Prophet im eigenen Land. Bereits vor 30 Jahren forderte Langer einen ökologischen Wandel, und zwar einen tiefgreifenden. Keinen oberflächlichen Greenwashing-„Wandel“ wie das, was wir heute überall erleben, wo alle auf einmal grün und nachhaltig sein wollen, Hauptsache es bringt Geld. Wieviel Heuchelei doch in uns steckt, in unserem Verhalten, in unseren Taten! Noch immer verkaufen wir die Dolomiten als „unberührte Natur“. Obwohl, stimmt ja auch – sie sind völlig unberührt von Intelligenz und gesundem Menschenverstand. Doch Lügen haben kurze Beine. Und einer Sache dürfen wir gewiss sein: Solange wir nicht endlich andere Saiten aufziehen, wird „es“ immer wieder geschehen. Ganz egal, was der Premierminister sagt.
Foto: www.guworld.com



